Geschrieben von Daniel Kähny 

Dolinen  findet man auf dem Dinkelberg recht häufig und sie können sehr steil und tief sein. Eine der bekannteren auf dem Dinkelberg ist das "Tiefe Loch" im Gewann Jungholz. Sie liegt in der Nähe des Weges von Adelhausen nach Wiechs bzw. Nordschwaben. Mit meinem Vater waren wir als Kinder sehr oft auf dem Dinkelberg unterwegs. Wenn wir auf dem Weg von Adelhausen nach Wiechs waren, kam immer wieder die gruselige Geschichte eines Mannes, der angeblich in diesem Wald erschlagen wurde und dann in eine große Doline (das "Tiefe Loch") geworfen wurde. Als man ihn ein paar Monate später fand, soll der Tote Namens Kreuz, der angeblich ein französischer Deserteur aus dem 1. Weltkrieg war, tot auf einem Absatz gesessen sein und den Kopf mit der Hand gestützt haben. Wir dachten immer, das sei eine erfundene Geschichte, um uns abzuhalten, in Dolinen zu klettern. Außerdem gab es immer wieder eine andere Version der Geschichte. 50 Jahre nach diesen Ausflügen bin ich bei einer Recherche im Staatsarchiv Freiburg auf die Akte A 26/2 Nr. 261 1-3 mit dem Titel „Mord, Anstiftung zum Mord (am Fabrikarbeiter Ludwig Creutz, Rheinfelden)“ gestoßen. Es gab diesen Fall tatsächlich und er geschah in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1919 gegen Mitternacht. Nach mehr als hundert Jahren sind die Akten für alle zugänglich. Was war tatsächlich passiert? Die Akte umfasst weit über 100 Seiten. Man sieht, dass die Mordkommissionen schon in dieser Zeit akribisch gearbeitet hatten. Ich verpasse jetzt den "Tatort im Ersten", aber das Lesen der Akte ist viel spannender.

Laut Ermittlungsakte stammt der Ermordete aus der Schweiz, war ein brutaler Schläger und saß wegen versuchten Mordes an seiner ersten Ehefrau mehrere Jahre im Gefängnis, bevor er ausgewiesen wurde. Er war also weder Deserteur noch ehemaliger Fremdenlegionär. In Rheinfelden arbeitete er in der Fabrik und heiratete seine zweite Frau, der es in der Ehe nicht gut erging, wie man sich vorstellen kann. Nebenher besserte er sein Einkommen noch mit Schmuggel und Diebstahl auf. Gemeinsam mit Verwandten und Freunden aus der Rheinfelder Fabrikarbeiterszene wurde deshalb seine Ermordung akribisch geplant. Man könnte aus dem Inhalt der Akten einen guten Krimi schreiben, aber ich beschränke mich hier auf den Tathergang aus der Anklageschrift.

"Die Ausfürung des Mordes

Gegen 10 Uhr am Abend des Sonntag, den 23. Februar begaben sich die drei, ... durch den Nollinger Wald nach Eichsel, ließen dann Adelhausen links liegen, bogen rechts gegen Nordschwaben zu ab, auf den Feld- und Waldweg, der dann etwa 1/2 Stunde von Adelhausen entfernt im Walde an dem Loch vorbeiführt. Sie wollten auf diesem Weg nach Ansicht des Creutz möglichst unbemerkt an Nordschwaben herankommen, um dort den Diebstahl auszuführen. ... . Als sie aber bei dem Loch angekommen waren, welches ja für einen Unkundigen nicht zu bemerken war, schützte Erhard Müdigkeit vor, und sie setzten sich zu dritt an den Wegrand, unmittelbar beim Loch. Nach einiger Zeit kam dem Otto Weber der Gedanke, der stärkere Creutz könnte ihnen mit dem Messer gefährlich werden; er erklärte deshalb, er wolle sich einen Stock schneiden, verlangte und erhielt das Messer des Creutz. Er stand auf, ging etwa 10 Meter von dem Loch an ein Waldstück und erklärte von dort aus den anderen, er habe das Messer verloren. Creutz und Erhard standen auf und suchten das Messer, ... . Als so alle drei in gebückter Stellung, ... , nach dem Messer suchten, ... , holte Erhard Weber mit dem Beil aus und versetzte dem Creutz mit dem stumpfen Teil des Beils einen wuchtigen Schlag auf den Kopf. Creutz richtete sich einmal auf, machte eine Kehrtwendung und fiel rücklings zu Boden. ... . Nach dem ersten Schlag des Erhard hat Creutz noch gelebt; denn er stöhnte noch einmal auf, dann nach dem weiteren Schlag des Otto Weber regte er sich nicht mehr. ... . Die so entkleidete Leiche trugen sie an das erwähnte Loch, deckten es auf und warfen die Leiche kopfüber hinein. Hierauf deckten sie das Loch wieder mit den Bengeln und Rasen zu und begaben sich auf den Heimweg."

Laut Gerichtsmedizin muss der Tod unmittelbar nach dem ersten Schlag mit dem Beil eingetreten sein. Creutz hat also definitiv nicht mehr gelebt als er in das Loch geworfen wurde. Da Creutz laut Ermittlungsakten angekündigt hatte, dass er einen großen Coup (Schmuggelgeschäfte) machen und dann in die Schweiz entweichen werde, hat sich niemand gewundert, dass er plötzlich weg war. Eifersucht und Alkohol bei den Beteiligten führten schließlich nach über zwei Monaten nach der Tat zur Aufdeckung. Am 2. Mai begaben sich die Beteiligten und Mitwisser nach Säckingen, wo gezecht wurde und es zu einem Streit kam. Drohungen und Angst hatten einen Mitwisser bewogen, am 3. Mai bei der Gendarmerie in Bad. Rheinfelden Anzeige zu erstatten. Die Beschuldigten wurden am 4. Mai verhaftet. Die Leiche wurde am 6. Mai, mit Hilfe von Bürgern aus Adelhausen, aus 8 m Tiefe geborgen.

Das Gerichtsurteil wurde am 19. Juli 1919 durch das Schwurgericht zu Konstanz verkündet. Es lautete auf Totschlag, 10 Jahre Zuchthaus für Erhard und 8 Jahre für Otto. Die mitangeklagten Damen erhielten ebenfalls 10 bzw. 8 Jahre Zuchthaus wegen Anstiftung zum Totschlag.

Außer dem Namen des Opfers und dem Ort dieses Verbrechens hat nicht viel von den mündlich überlieferten Mythen, die uns als Kind erzählt wurden, gestimmt. Aber vielleicht lässt auch mein Gedächtnis etwas nach. Die Ermittlungsakte selbst stelle ich hier nicht online. Wer möchte, kann von mir ein kopiertes Exemplar der Anklageschrift haben.